Warum kostet Diesel heute mehr als gestern? Wer verdient woran? Und was hat der Rohölpreis
damit wirklich zu tun? Diese Seite erklärt die Zusammenhänge — für alle, die es genau wissen wollen.
1. Wie setzt sich der Spritpreis zusammen?
Wenn Sie an der Zapfsäule € 2,10 für einen Liter Diesel bezahlen, gehen davon nur ein
kleiner Teil an die Tankstelle und die Raffinerie. Der Löwenanteil ist der Staat — in Form
von drei verschiedenen Abgaben.
Mehrwertsteuer (MwSt)
20 % auf den Bruttopreis. Wird auf alles draufgerechnet — also auch auf die anderen
Steuern. Sie steigt automatisch wenn der Preis steigt.
Mineralölsteuer (MöSt)
Ein fixer Cent-Betrag pro Liter, gesetzlich festgelegt. Für Diesel derzeit
39,7 ct/l, für Super 95 48,2 ct/l.
Ändert sich nur durch Gesetz — nicht durch den Markt.
CO₂-Bepreisung
Seit 2022 in Österreich eingeführt. Richtet sich nach dem CO₂-Gehalt des Kraftstoffs
und dem gesetzlichen CO₂-Preis (aktuell 55 €/Tonne). Für Diesel ca.
14,7 ct/l, für Super 95 ca. 13,1 ct/l.
Pflichtreserve / EBV
Ein kleiner Beitrag zur Finanzierung der gesetzlich vorgeschriebenen
Erdöl-Bevorratung Österreichs (EBV GmbH). Sichert die Versorgung im Krisenfall.
Raffinerie-Verkaufspreis netto
Was nach Abzug aller Steuern und Abgaben übrig bleibt. Davon deckt die Raffinerie
ihre Produktionskosten und erzielte Marge. Dieser Wert hängt direkt am
internationalen Rohölpreis.
Live-Daten: aktuelle Aufschlüsselung
Die genauen Cent-Beträge für Österreich heute — basierend auf dem aktuellen
Median-Zapfsäulenpreis der E-Control:
Fazit: Über 60 % des Spritpreises sind Steuern und Abgaben.
Wenn der Rohölpreis sinkt, sinkt nur der untere Teil — Steuern bleiben fix. Das erklärt,
warum Spritpreise bei fallendem Rohöl nicht proportional sinken.
2. Was treibt den Rohölpreis?
Rohöl wird an internationalen Börsen gehandelt — der Preis entsteht durch Angebot und
Nachfrage, beeinflusst von einer Vielzahl an Faktoren:
🛢️
OPEC+ Fördermenge
Die Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) und ihre Partner kontrollieren
ca. 40 % der globalen Förderung. Entscheiden sie sich für Kürzungen, steigt
der Preis — und umgekehrt. OPEC-Meetings sind die wichtigsten Termine im
Rohölkalender.
🌍
Geopolitik
Konflikte im Nahen Osten, Russland-Sanktionen, Durchfahrtsrechte im Suezkanal
oder der Straße von Hormus — all das kann die globale Versorgung kurzfristig
gefährden und den Preis schlagartig treiben.
📦
US-Lagerdaten (EIA)
Jeden Mittwoch veröffentlicht die US-Energiebehörde EIA die wöchentlichen
Rohöllagerbestände. Steigen die Lager, deutet das auf Überangebot hin — der
Preis fällt. Fallen die Lager, steigt der Preis.
💵
USD/EUR-Wechselkurs
Rohöl wird global in US-Dollar gehandelt. Ein starker Dollar macht Öl für
europäische Käufer teurer — auch wenn der USD-Preis gleichbleibt.
Der EUR/USD-Kurs ist deshalb ein direkter Preistreiber für europäische Spritpreise.
📉
Konjunktur & Nachfrage
In Rezessionen sinkt die Industrieproduktion und damit der Energiebedarf —
der Ölpreis fällt. In Wachstumsphasen steigt die Nachfrage, besonders aus
China und Indien, und der Preis steigt mit.
⚡
Spekulation & Finanzmarkt
Rohöl-Futures werden auch von Fonds und Spekulanten gehandelt. Erwartungen,
Gerüchte und Stimmungen können den Preis kurzfristig stärker bewegen als
reale Angebots-/Nachfrageverschiebungen.
Rohöl ist ein Gemisch aus verschiedenen Kohlenwasserstoffen. In einer Raffinerie wird
es durch fraktionierte Destillation in seine Bestandteile getrennt —
ähnlich wie Alkohol destilliert wird, nur bei viel höheren Temperaturen.
Destillationsturm — von oben nach unten:
~20–70 °CFlüssiggas (LPG), Butan, Propan
~70–180 °CBenzin / Naphtha
~180–250 °CKerosin (Flugzeugtreibstoff)
~250–380 °CDiesel / Heizöl
> 380 °CSchweröl, Bitumen, Rückstände
Aus einem Barrel Rohöl (ca. 159 Liter) entstehen je nach Rohölsorte und Raffinerie
ungefähr: 70–80 Liter Benzin/Diesel, 20–30 Liter Kerosin und Heizöl,
sowie der Rest als Schweröl und Bitumen.
Crack Spread: Die Differenz zwischen dem Verkaufspreis der Produkte
(Benzin, Diesel) und dem Einkaufspreis des Rohöls nennt man Crack Spread. Er ist
das wichtigste Maß für die Raffineriemarge — je höher der Crack Spread, desto profitabler
die Raffinerie. Im Dashboard ist das der Bench-Wert im
Raffinerie-Margenindikator.
4. Österreich: Eigenproduktion vs. Import
Österreich ist kein bedeutender Ölproduzent — aber auch nicht völlig
abhängig vom Import. Die Situation ist differenzierter als oft dargestellt:
🏭 Eigenproduktion
Österreich fördert selbst Rohöl — hauptsächlich in Niederösterreich und dem
Wiener Becken. Die OMV ist der einzige nennenswerte heimische
Produzent. Die Fördermengen sind jedoch gering und decken nur einen kleinen
Bruchteil des heimischen Bedarfs.
🚢 Import
Der Großteil des österreichischen Rohöls wird importiert — über Pipelines aus
dem Osten (TAL, AWP) sowie per Schiff über den Mittelmeerraum. Die wichtigsten
Lieferländer sind Russland (historisch stark reduziert seit 2022), Kasachstan,
Libyen und Irak.
🔧 Raffinerie
Die einzige große Raffinerie Österreichs ist die
OMV Raffinerie
Schwechat
bei Wien. Sie verarbeitet ca. 9 Millionen Tonnen Rohöl pro
Jahr und versorgt einen Großteil Österreichs sowie Teile der Nachbarländer
mit Benzin, Diesel und Heizöl.
🛡️ Versorgungssicherheit
Österreich ist zur Haltung von Pflichtreserven verpflichtet — das ist der
EBV-Anteil im Spritpreis. Die EBV GmbH (Erdöl-Bevorratungs
und Verwaltungsgesellschaft) verwaltet diese strategischen Reserven, die im
Krisenfall 90 Tage Versorgung sichern sollen.
5. Was ist die Raffineriemarge?
Die Raffineriemarge — auch Crack Spread genannt — ist die Differenz zwischen
dem Preis der fertigen Produkte (Diesel, Benzin) und dem Rohstoffeinsatz (Rohöl).
Sie zeigt, wie viel eine Raffinerie pro Liter verdient.
Im Dashboard wird das als Bench-Wert dargestellt: der Benchmark-Preis
für Gasoil (Diesel-Vorprodukt an der ICE-Börse London) minus dem Brent-Rohölpreis,
jeweils in EUR/Liter umgerechnet. Das ist kein exakter Raffineriegewinn — er enthält
keine Betriebskosten — aber ein guter Indikator für die Marktlage.
Hohe Marge bedeutet: Raffinerien verdienen gut, oft weil die
Nachfrage nach Produkten (z.B. Diesel im Winter) hoch ist, das Rohölangebot aber
konstant bleibt.
Niedrige Marge bedeutet: Raffinerien arbeiten unter Druck —
oft in Phasen hoher Rohölpreise bei gleichzeitig schwacher Nachfrage nach Produkten.
Eine häufige Beobachtung: Rohöl fällt stark, aber an der Tankstelle merkt man davon
erst Wochen später etwas. Das hat strukturelle Gründe:
Tag 0: Rohölpreis fällt an der Börse.
Woche 1–2: Raffinerie kauft Rohöl zu neuen Preisen ein —
aber verarbeitet noch alten, teuer eingekauften Bestand (FIFO-Prinzip).
Woche 2–3: Fertige Produkte (Diesel, Benzin) werden zu
Großhändlern und Tankstellen geliefert — Transport und Logistik brauchen Zeit.
Woche 3–4: Tankstellen passen Preise an — oft erst wenn
der eigene eingekaufte Bestand aufgebraucht ist.
Studien zeigen außerdem eine asymmetrische Reaktion: Steigende
Rohölpreise werden deutlich schneller an die Zapfsäule weitergegeben als fallende.
Dieses Phänomen wird in der Literatur als „rockets and feathers" bezeichnet —
Preise steigen wie Raketen und fallen wie Federn.
Selbst beobachten im Trend-Chart
Legen Sie im Trend-Dashboard gleichzeitig Brent USD/Barrel und Österreich Median
Diesel auf — und beobachten Sie die zeitliche Verschiebung zwischen den beiden Kurven.